Fragen:  Amikkus   |   Antworten:  Alboin   |   Übersetzung:  -   |   Datum:  01.08.2006


Geist

Hallo Alboîn! Zu Anfang möchte ich dir danken, dass du dir die Zeit genommen hast, meine Fragen zu beantworten. Bevor wir auf das neue Album zu sprechen kommen, hätte ich gerne gewusst, wie du auf dein Pseudonym gekommen bist und was es für dich bedeutet, schließlich sticht es doch sehr aus dem BM-Namensregister heraus.

Ich grüße Dich, mein Freund. Gibt es ein Black-Metal-Namensregister? Ach du Schande. Na ja, selbst wenn es eines gäbe, so ist „Alboîn“ (übrigens mittlerweile nur noch „Alboin“, ist ja doch jeder zu faul, ein Sonderzeichen zu benutzen) nicht ungewöhnlicher als ein so positives Pseudonym wie „Amikkus“, was? (lat. "amicus“ – Freund, Kumpel – Amikkus). Diesen Namen, früher noch mit dem Zusatz „Goldmund“, benutzte ich das erste Mal für ENID, irgendwann 1999 oder so. Alboin ist ein altgermanischer Vorname und trägt die Bedeutung von „Freund höherer Mächte“ oder „Freund des Edlen“. Damals, im Überschwang der Jugend, erschien mir das für eine Band ganz passend, heute wäre es, wenn ich das bitterernst meinen würde, etwas vermessen. Nach so vielen Jahren ist „Alboin“ für mich fast ein zweiter Vorname geworden, eine Menge Leute nennen mich so, reden so von mir... und schließlich benutze ich den Namen ja auch selbst in Foren, als Künstler, als Schreiber. Seine Bedeutung ist mir noch immer wichtig, auch wenn sie zweitrangig geworden ist. Wichtiger ist, dass Alboin eine Art Alter Ego geworden ist, die „musikalische Seite“ meiner Persönlichkeit. So, und jetzt werde ich zur Beantwortung der Fragen schreiten, für die Du Dich ja schon im Voraus bedankt hast, hehe.

Laut meinem Fremdwörterbuch steht ein Kainsmal für "ein Sinnbild, ein Zeichen der Schuld". Inwiefern habt ihr euch damit lyrisch/musikalisch auseinander gesetzt? Welche Assoziationen/Erinnerungen verbindet ihr mit diesem Begriff?

Obwohl ich den Begriff nie im Fremdwörterbuch nachgeschlagen habe, ist meine Assoziation Deiner sehr ähnlich. Auch für mich ist es das Zeichen einer Schuld, nicht unbedingt ein sichtbares, aber ein sehr prägendes. Dabei habe ich das Wort allgemeiner ausgelegt, als es in der Bibel verwendet wird. Mein Eindruck ist, dass die Menschheit kollektiv Schuld auf sich geladen hat, durch ihre Sünden und Laster. Das ist durchaus im christlichen Sinne zu verstehen, als Abfall von etwas Ursprünglichem, das das Christentum „Gott“ nennt. Ich nenne das nicht so, sondern eher Moral oder Gewissen, das vielen Menschen scheinbar abhanden gekommen ist und weiterhin abhanden kommt. So viel Schlechtigkeit auf der Welt ist für mich einfach unfassbar. Es gab und gibt Momente, in denen ich damit wirklich nicht zurecht komme, in denen ich am Versuch, das zu verstehen, verzweifeln könnte. „Kainsmal“ handelt auch davon, von dem Versuch, solche Erfahrungen von Verlust, von Anderssein zu verarbeiten. Das Album – oder der Titel – trägt aber auch positive Konnotationen für mich mit sich, als Chance, als Möglichkeit mit so etwas umzugehen und als reine, schöne Erfahrung dessen, dass alles sich zwischen Polen und in Zyklen bewegt. Diese Einsicht hat das Album geprägt.

Nun zum Album selbst: Vergiss für einen Augenblick lang alles, was bisher über "Kainsmal" geschrieben wurde. Worin siehst du die Stärken/Schwächen des Albums? Irgendwelche persönlichen Favoriten, Sachen, die man hätte besser machen können (was ich persönlich bestreite)?

Ich kann nichts von dem vergessen, was jemals jemand über diese Band geschrieben oder gesagt hat, das ist Teil meiner Erfahrung damit und sehr wichtig für mich.
Unabhängig davon sind die Stärken des Albums für mich seine ungeheure Kompaktheit bei großer Vielfalt, seine Eigenständigkeit von allen gängigen Black-Metal-Szenen, seine Zeitlosigkeit sowohl im musikalischen als auch im lyrischen Sinne. Außerdem hat es riesigen Spaß gemacht, dieses Album aufzunehmen. Ganz im Gegensatz zu „Patina“ hatten wir den Eindruck, dieses Album „wolle“ unbedingt aufgenommen werden. Alles ging so reibungslos und wie von selbst. Das gilt auch für die Verpackung, die sehr viel Mühe gemacht hat und an der mehrere Personen beteiligt waren, die jeder für sich fantastische Arbeit geleistet haben. Meinem Empfinden nach hat es lange kein so stimmiges, abgerundetes und trotzdem bodenlos tiefes Album mit so vielen Entdeckungsmöglichkeiten in Deutschland gegeben, und das macht mich sehr stolz. Diesmal habe ich auch keine Favoriten, „Kainsmal“ ist für mich wie aus einem Guss und fällt in keinem der sechs Stücke ab. für mich jedenfalls nicht. Das ist schon selten, dass sich ein Album zum Ende hin eher steigert als abfällt. Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, „Kainsmal“ besäße keine Schwächen. Zwar beschränken sich die, im Vergleich zum Vorgänger, auf wenige Punkte, aber glücklicherweise gibt es die. An der Produktion werden wir auch nächstes Mal noch einiges zu verbessern haben, außerdem möchte ich zukünftig ein paar Details besser ausarbeiten und planen. Es gibt immer noch ein paar wenige Stellen, die ich im nachhinein sorgfältiger hätte vorbereiten wollen, aber das sind minimale Kleinigkeiten, die nur mein Perfektionismus wahrnimmt. Ich bin aber froh, dass es die gibt, sonst würde ich mich nicht zu einem nächsten Mal provoziert fühlen.

Mir ist aufgefallen, dass in allen Liedern des neuen Albums eine singende Lead-Gitarre "den Ton angibt". Sowas hat es bei Patina nur vereinzelt gegeben, zum Beispiel bei "Winters Schwingenschlag". Kaltes Kalkül, Zufall oder Entwicklungsphase?

Zufall und Kalkül scheiden bei dieser Band aus, denke ich. Abgesehen davon stimmt diese Behauptung auch nicht so ganz. Es gibt zwar in allen Stücken zwei Gitarren, die aber oft eher Rhythmusfunktion bzw. Akkordfunktion haben, als tatsächlich eine Leadmelodie zu spielen. Manchmal gibt es auch zwei Leadgitarren. Ich kann Dir aber versichern, dass das komplette Material auf „Kainsmal“ nicht kalkulatorisch entstanden ist, sondern ganz natürlich. Ich mag einfach Melodien, und oft entsteht ein Stück aus einer einzigen Melodie und ist weniger riffbasiert. Da ist es wohl nur natürlich, dass es so viele Leadgitarren gibt. Kann gut sein, dass es das nächste Mal anders läuft, auch für das Gegenteil gibt es ja durchaus Beispiele auf „Kainsmal“.

Cypher D. Rex, der ja jetzt leider eine Art Auszeit nehmen musste, hat auf "Kainsmal" erstmalig selbst Stücke geschrieben. Wie kam es dazu?

Wie es dazu kam kann er wohl selbst am besten erklären. Cypher hat aber schon Black-Metal-Stücke geschrieben, als ich noch nicht wusste, wie rum man eine Gitarre hält. Er ist seit seinem 15. Lebensjahr als Schlagzeuger, Gitarrist und auch Sänger Mitglied der ältesten Black-Metal-Band Bielefelds, ARMAGEDDON, und schreibt im Grunde fast pausenlos Musik. Nur eben nicht für GEIST, wo er das erste Mal den Posten des Frontmanns übernommen hat. Weil Aínvar und ich die Musik für „Patina“ schon fast fertig hatten, hat er auch nichts mehr beigesteuert. Vor „Kainsmal“ hatte er eine kreative Phase und zwei Stücke, die gut zu GEIST passten, also haben wir sie mit dazugenommen. Ich denke, wer uns beide nicht ganz genau kennt, hört den Unterschied zwischen unseren Kompositionsweisen nur sehr schwer heraus.
Dass Cypher jetzt für lange Zeit pausiert, ist ein herber Schlag für die Band, gerade in dieser Phase der Bandentwicklung. Allerdings wird uns das auch nicht aufhalten, und glücklicherweise wird er wohl eines Tages zurückkehren und uns auch weiterhin als Studiosänger und Produzent zur Verfügung stehen. Bis dahin halten wir es mit Walter Moers’ Adolf, der Nazisau: „dass habt ihr euch so gedacht, dass ich kapituliere!“.

Deine lyrischen Ergüsse sind großartig, da sie dem Hörer trotz relativ eng abgesteckter Thematik genug Freiraum lassen, um Eigeninterpretationen zu kreieren, was ja heutzutage leider nicht mehr des Öfteren vorkommt. Gibt es literarische/musikalische Werke, die dich im besonderen Maße inspirieren oder gehst du einfach mit offenen Augen durch die Welt und schreibst deine Eindrücke kunstvoll nieder?

Herzlichen Dank für das Lob. Ich muss schon zugeben, dass mich alle möglichen literarischen Werke inspirieren, ich habe ja sogar einige Zitate und Motive aus der gesamten Literaturgeschichte übernommen, von Euripides bis Goethe und weiter, auch von wirklich unbekannten Autoren (empfehlenswert hier übrigens das wunderbare Buch „Dillingers Luftschiff“). Musikalische Inspiration eher weniger, auch nicht textlich, dafür bin ich zu gerne eigen.
Konkret thematisch inspirierend ist Literatur allerdings nicht, dafür gibt das Leben in der Tat genug her. Ich muss dafür weniger mit offenen Augen durch die Welt gehen als einfach Zeit finden, mich mit mir selbst und meinen Gedanken zu beschäftigen. Ich muss Zeit haben „zuzuhören“, der Stille zu gehorchen, dann kommen die Wort von ganz alleine. Wie ich sie dann zusammensetze und anordne ist wieder eine andere Geschichte. Mir fällt immer erst hinterher auf, wie vielseitig man diese Texte lesen kann, selbst wenn sie für mich eine ganz konkrete Bedeutung haben.

Zu der Vorgeschichte noch ein paar Wörter: Die Leidensgeschichte mit Blakk Attakk kennt jeder, der sich mit näher mit euch beschäftigt hat. Doch was sind die Hintergründe eures Bruches mit Solistitium?

Es gibt da keine großen Hintergründe. Ich möchte für Carsten und Solistitium eine Lanze brechen, er hat für „Patina“ fantastische Arbeit geleistet, er hat an uns geglaubt und unser Album veröffentlicht, nachdem wir mit Black Attakk böse auf die Fresse geflogen sind und nichts hatten außer diesem Album – kein Demo, die EP war gerade erst veröffentlicht, wir hatten keinen Namen und keine Reputation. „Patina“ ist, für die Größenverhältnisse des Labels, ein relativer Erfolg geworden, und es hätte nichts dagegen gesprochen, bei Solistitium zu bleiben. Dass es anders kam war im Grunde Zufall. Ich hörte durch Aran, mit dem ich wegen einer anderen Sache in Kontakt war, dass Whyrhd unser Album sehr mochte und einmal fallengelassen hatte, dass eine Zusammenarbeit zwischen Cold Dimensions und GEIST durchaus denkbar wäre. Zu dieser Zeit hatte ich den Eindruck, etwas frisches Blut und neue Möglichkeiten (und „Dimensionen“) würden der Band sehr gut tun. Whyrhd und ich haben uns unterhalten und sind uns schnell einig geworden, dass „Kainsmal“ bei Cold Dimensions erscheinen solle. So eine Möglichkeit bekommt man vielleicht nur
einmal, also haben wir zugesagt. Es gibt also kein böses Blut zwischen Carsten und mir oder uns, es war lediglich an der Zeit, sich weiterzuentwickeln, wenn auch früher als ich es erwartet hatte.

Euer neues Zuhause heißt Cold Dimensions. Wie ist die Zusammenarbeit bisher verlaufen, was gefällt euch an CD besonders gut?

Bis jetzt läuft alles sehr reibungslos. Ich schätze die Zuverlässigkeit, mit der Whyrhd sein Label führt. Im Gegensatz zu den meisten anderen Labels ist er sehr bedacht darauf, nur höchste Qualität abzuliefern und zu vertreiben und agiert in sehr vernünftigen, realistischen Dimensionen. Er als ehemaliges und langjähriges Mitglied von Lunar Aurora hat alle Höhen und Tiefen der Zusammenarbeit zwischen Band und Label mitbekommen und weiß, was Bands schätzen. Ich nehme das dankbar an, weil meine Labelvergangenheit auch nicht gerade von Perfektion geprägt war. Natürlich kann man in diesen Größenordnungen keine Luftsprünge erwarten – Touren und riesige Promokampagnen (letztere sind mir ohnehin suspekt) kann man also weiterhin vorerst vergessen. Ich bin aber sehr zuversichtlich, dass Cold Dimensions mit den jetzigen Bands und Whyrhds Arbeitseinstellung stetig wachsen wird. Immerhin ist es schon jetzt das vielleicht respektierteste Black-Metal-Label Deutschlands, und das nicht umsonst, und ich bin sehr glücklich, dort untergekommen zu sein.

Es ist ja ein offenes Geheimnis, dass wir mal im selben Magazin-Boot saßen, du also selbst auch die Feder zur Hand nimmst und Kritiken schreibst. Wie siehst du die Ambivalenz "Schreiberling - Musiker"? Denkst du, dass eine Band, der du eine Kritik zu einem ihrer Releases geschrieben hast, deine Meinung ernster als andere nimmt, weil du quasi mit Geïst vormachst, wie qualitativ hochwertiger Black Metal klingen soll?

Nicht unbedingt. Ich glaube eher, dass viele Bands es schätzen, wenn man sich intensiv mit ihrer Musik auseinandersetzt. Das geht auch ohne dass man unbedingt zeigt, wie man es „besser“ macht. Das würde ich auch nie für mich in Anspruch nehmen, etwas „besser“ zu machen als alle anderen Bands. Sicher ist das subjektiv im Vergleich zu vielen Bands so, aber das muss man immer auch relativ zum Entwicklungsstand, dem Stil, den Möglichkeiten usw. betrachten. Es gibt sehr talentierte Bands, die ich kritisiere und trotzdem glaube, dass sie das Zeug haben, „besser“ zu sein als GEIST, innerhalb ihres eigenen Stils.
Das heißt: wenn eine Band meine Kritik an ihrer Musik ernst nimmt, dann wahrscheinlich, weil ich ehrlich mit ihnen umgehe, wohlwollend bin, aber trotzdem hart, wenn ich ihr Werk schlicht und einfach für Mist halte. Ehrlichkeit und Substanz wirken zusammen sehr überzeugend, und das nicht zu Unrecht. Vielleicht haben einige (noch) jüngere Bands Respekt vor dem, was wir mit GEIST tun, aber nur weil sie meine Musik mögen, müssen sie mich noch lange nicht für einen fairen und kompetenen Reviewer halten. Das versuche ich unabhängig von meiner eigenen musikalischen Aktivität zu tun, und das schon seit 1997, als an aktives Musikmachen noch gar nicht zu denken war. Andererseits ist es wohl nicht abzustreiten, dass Du es jemandem eher abnimmst,wenn er behauptet zu wissen, wie guter Black Metal klingt, wenn er auch bewiesen hat, dass er weiß wovon er redet.

Vielen alteingesessenen Bands wie z.B. Darkthrone oder Emperor wirft man ja vor, dass sie sich auf ihrem Zenit nicht verabschiedet haben, um den Namen nicht in den Dreck zu ziehen und dass sie, sofern die Kohle stimmt, jederzeit auf den großen Reunion-Zug springen würden. Deine Band wird momentan (fast) überall in höchsten Tonen gelobt, es gibt kaum jemanden, der euer zweites Album nicht als Anwärter auf den imaginären Preis des besten BM-Albums diesen Jahres ansieht. Wie siehst du diese Problematik? Könntest du dir vorstellen, nach einer ausgedehnten Tour für "Kainsmal" oder nach Erschaffen eines ähnlich hervorragenden Albums nur um des sprichwörtlichen Geistes Willen deine Band zu begraben?

Ich denke, Du übertreibst da schon sehr. Dieses Jahr sind einige fantastische Alben erschienen, wie die neue KOLDBRANN, das Album von SONIC REIGN, die neue SATYRICON, LJAA, FUNERAL PROCESSION (hehe)... und es kommen noch einige Highlights, SECRETS OF THE MOON mit einem erschreckend introvertierten Meisterwerk, eventuell die neue LUNAR AURORA, die neue KATHARSIS. Da befinden wir uns bestenfalls in guter Gesellschaft.
Dieser „Zenit“, auf dem sich einige große hätten verabschieden sollen, ist viel zu relativ, als dass man damit argumentieren könnte. Als Musiker siehst Du das vollkommen anders als Deine Hörer, und das solltest Du auch. EMPEROR haben, da bin ich mir relativ sicher, ihren Zenit wirklich erst mit „Prometheus“ erreicht, weil Ihsahn künstlerische Ziele hatte und noch hat, die mit Black Metal im ursprünglichen Sinn wenig gemein haben. Dass das so wenige verstehen wollen, ist Problem der Hörer, nicht der Band. ENSLAVED sind auf dem besten Weg, sich mit jedem neuen Album wieder zu übertreffen, nur in völlig anderen Dimensionen als vor 10, 12 Jahren.
Davon abgesehen fällt es Dir immer schwer, eine Band zu Grabe zu tragen, solange sich noch irgendetwas bewegt. Wenn man da mit „objektiver“, von den Fans eingeschätzter Qualität argumentieren wollte, hätten Bands wie MENHIR, die DUNKELGRAFEN oder ABSURD ja tatsächlich eine Existenzberechtigung, die ich allerdings persönlich abstreiten würde. Auf der anderen Seite hätte es einige der schönsten ULVER-Alben nie gegeben. Das kann man also nicht durchgehen lassen. Eine Band hat dann ihren Höhepunkt erreicht, wenn die Musiker der Ansicht sind, sie hätten alles gesagt, was es zu sagen gibt. Diesen Moment spürt man, denke ich, und wenn man weiß dass er gekommen ist, muss man ihm gehorchen und danach handeln, sonst belügt man sich selbst. Es gibt aber auch andere Gründe, eine Band aufzulösen: Frustration und Ärger (NOCTE OBDUCTA), plötzliches Desinteresse an der Musikrichtung (NAGELFAR), Schicksalsschläge und eine Menge ganz profaner Dinge, die sich mit der Zeit vielleicht wieder ändern. So ist es zu erklären, warum Bands wie DARKTHRONE, EMPEROR oder IMMORTAL nach Jahren doch oder doch wieder auftreten oder sich wieder zusammenfinden. Was spricht dagegen? Natürlich spielt da eine Menge Geld eine Rolle, aber ganz sicher auch sehr sehr viel Spaß an der Sache. Mir ist es allemal lieber, das Geld kriegen EMPEROR als die BÖHSEN ONKELZ oder die SCORPIONS. Sie haben es sich verdient. Das gilt für alle anderen in dieser Liga ebenso. Was man dafür musikalisch geboten bekommt, ist immer noch Extraklasse, ich weiß nicht was es da zu meckern gibt.
Ich würde GEIST nicht einfach eben mal so auflösen, solange ich noch einen Sinn darin sehe, diese Band weiterzuführen. Dafür bin ich zu ehrgeizig und dafür gibt es noch zu viel, das ich aussagen und noch erleben möchte. Es gibt uns jetzt, nach dem EISMALSOTT-Split, nicht einmal eineinhalb Jahre, und wenn ich darauf zurückblicke und mir anschaue, was wir in dieser kurzen Zeit erreicht haben, erfüllt mich einfach nur Stolz und der unbändige Wunsch, weiterzumachen. Momentan denke ich, selbst bei Line-Up-Problemen oder ähnlichen Widrigkeiten, nicht daran, GEIST aufzulösen. Und wenn mich 2015 die Veranstalter von Wacken anrufen und mir 20.000 Euro bieten, damit wir ein Konzert in Originalbesetzung spielen, dann werde ich bestimmt nicht nein sagen.

Was regt dich fernab von jeglichen "Black Metal ist tot"-Sagern am Black Metal auf, was wäre verbesserungswürdig, was sollte in der Black Metal-Welt am besten verschwinden? Scheue nicht davor zurück, dir unverschämte Visionen auszumalen.

Manchmal, jetzt zum Beispiel, kotzt es mich schon an, überhaupt nur darüber nachdenken zu müssen, was mich ankotzt. Es gibt Tage, da würde ich am liebsten meinen Rechner lahm legen, das LAN-Kabel abklemmen und kein Forum der Welt jemals wieder sehen. Da nerven mich die Plattheiten und die Kommentarsucht der Leute so immens, dass mir körperlich schlecht wird. An anderen Tagen sehe ich das relativ und versuche mir darüber bewusst zu werden und zu akzeptieren, dass Foren nichts weiter sind als Kneipen und die Geprächsniveaus sich [von daher] frappierend ähneln. So geht das aber nicht nur mit Foren, auch mit vielen anderen Plattformen, auf denen Leuten ohne Geschmack, dafür mit der doppelten Profilierungssucht, meinen etwas von sich geben zu müssen. Erschreckenderweise ist das aber auch in den gedruckten Pendants selten anders.
Ohne Frage am meisten nervt mich aber, was klar war, der NSBM. Darüber habe ich mich allerdings schon oft genug ausführlich ausgelassen, außerdem ist dessen Dummheit und Dreistigkeit so offensichtlich, dass er keines Kommentars bedarf. Hoffe ich jedenfalls.
Generell wäre mehr Anspruch, Selbstreflexion, Anstand, Relativität und Qualität in dieser „Szene“ sehr vonnöten, dann gäbe es einiges weniger an Mist, mit dem man sich beschäftigen müsste. Aber wo ist das nicht so? Visionen male ich mir garantiert nicht aus, dafür bin ich zu realistisch veranlagt. Da wird sich insgesamt nicht viel tun, und wenn es das soll, muss jeder bei sich selbst anfangen.

Welche Platten haben dir in letzter Zeit besonders zugesagt? Sind darunter vielleicht auch welche aus Österreich und wenn ja, welche?

Die meisten davon haben ich bereits oben genannt, SONIC REIGN, SATYRICON, KATHARSIS, LJAA, KOLDBRANN, SECRETS OF THE MOON, unser FUNERAL-PROCESSION-Debüt, KERMANIA, KEEP OF KALESSIN... auch das neue PLACEBO-Album und das von MUSE gefallen mir sehr gut. Außerdem, wenn es um Österreich geht, die neue SUMMONING natürlich. Ansonsten, um ganz ehrlich zu sein, passiert in Österreich nicht mehr sonderlich viel. HELLSAW haben ein sehr anständiges Album veröffentlicht, daneben kann ich mich an nichts Herausragendes erinnern. Hoffen wir mal, dass T.T. den reformierten ABIGOR zu altem Glanz verhelfen kann, das ist der einzige Mensch, dem ich das momentan zutraue. Alle sonstigen mir bekannten Bands zeichnen sich durch furchtbar langweiligen Durchschnitt oder Schlimmeres aus, und das macht mich nicht gerade an.

Welche Trademarks machen, wenn es nach dir geht, einen Song aus, um ihn als Klassiker bezeichnen zu können?

Das ist sehr schwierig. In erster Linie wohl Eingängigkeit, Wiedererkennbarkeit, Ehrlichkeit, ein gewisser Zeitgeist, der darin schwingt. Er muss die elementaren Bedürfnisse, Ängste, Empfindungen des Menschen ansprechen. Es gibt Klassiker aller denkbaren Stilistiken, und immer habe ich den Eindruck, sie handelten von sehr verwandten Dingen. Den Eindruck kann ich allerdings nicht belegen, denn er muss ja äußerst subjektiv sein, wenn die Breite zwischen „Für Elise“ und „Deathcrush“ aufgespannt ist. Ob ein Stück ein Klassiker ist, erkennt man allerdings immer erst nach einiger Zeit. Wenn heute bei einer Neuerscheinung ein Kritiker von einem „Klassiker“ spricht, kann das nur heißen, dass derjenige nicht weiß, was er da redet.

Geïst in Österreich - es gab schon einige Ankündigungen, die aber leider alle im Sand verliefen. Glaubst du, dass es dieses Jahr noch was mit einem Auftritt bei uns werden könnte? Habt ihr schon Vorstellungen/Pläne diesbezüglich?

Ich habe schon oft gesagt: an uns soll das nicht liegen. Bisher fanden diese Auftritte nicht statt, weil es Probleme bei den Veranstaltungen selbst gab, und die waren zumeist auf die fehlenden Besucher und die damit verbundenen Finanzprobleme zurückzuführen. Für dieses Jahr ist unsere Konzertplanung so gut wie abgeschlossen, viel mehr kriegen wir in unserem Zeitplan vermutlich nicht mehr unter. Es sieht also schlecht aus mit einem Österreich-Konzert von GEIST in diesem Jahr. Wenn ich mir die Kommentare zur Einstellung der österreichischen „Fans“ so anschaue, wie faul, breitärschig und arrogant sie denn oft sein sollen, wenn es um Konzerte geht, spare ich mir den Aufwand vielleicht auch lieber. Was bringt es, für 75 Leute so einen Aufwand zu betreiben? Da wäre es vermutlich günstiger, die fünf Interessierten zu einem Konzert nach Deutschland einzuladen, als für ein frustrierendes Konzert die 2000 km nach Wien und zurück auf sich zu nehmen. Wenn wir nie in Österreich spielen, dann haben sich die meisten Leute das wohl selbst eingebrockt. Darunter leiden auch immer einige wenige, wie Du, für die ich es schade finde. Das ist aber leider immer so. Wenn ich das ändern wollte, hätte ich in kürzester Zeit dermaßen großen Frust, dass ich am liebsten alle Konzerte absagen würde – das wäre nicht das erste Mal so.

Abschließend möchte ich dich fragen, ob es irgendetwas gibt, das du im Zusammenhang mit Geïst oder mit dir persönlich schon immer klar stellen wolltest.

Nein, ich glaube nicht, dass ich mich für irgendetwas rechtfertigen oder etwas klarstellen müsste. Wer meint, irgendetwas gegen mich sagen zu müssen, der soll mir das bitteschön selbst mitteilen. Das, was an Gerüchten und Kommentaren zumeist so kursiert, ist genauso feige wie nicht ernst zu nehmen.

Nochmals vielen Dank für deine Zeit, Alboîn. Die letzten Worte sind der Tradition nach deine.

Scheiß auf die Tradition. Herzlichen Dank, ein sehr gutes Interview!



Gelesen: 556x (seit 01.08.2006)


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