Fragen:  Amikkus   |   Antworten:  Sermon   |   Übersetzung:  -   |   Datum:  13.07.2014


Thornesbreed

Auf ein Neues, Sermon! Seit unserem letzten Gespräch hat sich erneut einiges getan. Wenn man sich auch nur eine Minute mit Eurer Geschichte auseinander setzt, sticht einem sofort das Überwiegen irdischer Probleme wie Besatzungs- und Label-Wechsel ins Auge. Warum reizt es Dich dennoch, nach all diesen (vielleicht sogar noch andauernden) Strapazen weiter zu machen? Sind THORNESBREED heute eine stärkere Einheit als noch vor drei Jahren? Und wer spielt dieser Tage überhaupt mit?

Grüße, Amikkus! Ja, es ist einiges passiert inzwischen, wobei die Besatzungswechsel nicht alle unbedingt negativ zu betrachten sind. Mittlerweile haben wir auch das Konzept gestrafft und sind nun eben aus diesem Grunde auf 5 Mitglieder angewachsen – nach wie vor Faust als der Haupt-Musikschreiber und Hauptideengeber, Ngaur am Bass, Contamination am Schlagzeug und seit ein paar Monaten E., der Morvan's Platz nach dessen Aussieg bestens ausfüllt. In erster Linie begründet sich die personelle Erweiterung damit, dass ich mittlerweile kein Instrument mehr spiele und mich auf die Arbeit als Texter und Frontmann der Band konzentriere. Trotz der einen oder anderen personellen Problematik in der Vergangenheit sehe ich THORNESBREED heute mehr denn je als eine starke Einheit – insbesondere deshalb, weil sich Aufgaben innerhalb der Band klarer verteilen, die Rollen geklärter sind als früher. Das führt dazu, dass jeder seinen Platz einnimmt und gut ausfüllt, was sich letztendlich auch in unserer Musik niederschlägt. Was mich reizt weiterzumachen? Das ist kurz beantwortet. THORNESBREED ist für mich ein Ventil, eine Art mich auszuleben. Ich brauche das – egal, wie viele Leute die Tonträger kaufen oder zu Konzerten kommen oder auch nicht.

Warum ist es für Dich nicht ganz trivial, nach wie vor an düsteren, für Außenstehenden mittlerweile in die "Black Metal"-Kategorie einzuordnenden Stücken zu schreiben und diese im ausgewählten Rahmen einem Publikum zu präsentieren? Was löst Musik - sowohl im aktiven als auch passiven Sinne - in Dir aus, das kein anderes Medium hervorzurufen imstande ist? Hast Du nach so mancher bandinternen Misere nicht daran gedacht, Dich als Autor zu versuchen? Das Talent hättest Du dafür allemal.

So gar nicht trivial ist das für mich, weil jedes Stück Text, das ich bei THORNESBREED fabriziere, auch ein Stück Persönlichkeit ist. Dass sich unsere Musik mittlerweile fast vollkommen zum Black Metal entwickelt hat, wird sicher von außen recht ambivalent gesehen und beurteilt werden. Allerdings interessiert das  keinen wirklich in der Band. Keiner von uns ist sonderlich gut im Schließen von Kompromissen. Oft ist das nicht einfach, aber dennoch kann ich sagen, dass jeder bei THORNESBREED hinter dem steht, was letztendlich zu hören ist. Damit kann jeder von uns hier sein Stück Persönlichkeit hineinlegen und ausleben. Das ist es, was antreibt und uns bei der Stange hält. Soweit zur Frage danach, was Musik im aktiven Sinne auslöst. Was das passive angeht, kann ich nur für mich sprechen. Musik ist etwas, das Emotionen triggert, untermalt und in nonverbaler Form Dinge ausdrückt, die man nicht in Worte pressen kann.
Mich als Autor zu versuchen wäre eine nette Idee, und ich danke Dir für das Quasi-Kompliment. Allerdings ist es hier wie mit so vielem: Man schreibt nicht einfach so, es gehört eine Menge mehr dazu. Ich habe mich für andere Kunstformen entschieden.

Trotz aller widrigen Umstände scheint es so, als ob sich THORNESBREED dem "klassischen" Zugang zur Öffentlichkeitspolitik im Metal nicht verschließen, sprich Ihr genug Material ansammelt, um ein vollwertiges Album heraus zu bringen, Konzerte spielt, oft genug für jene probt und mehr oder weniger laufend an neuem Material arbeitet. Inwieweit bricht Ihr diesen Standard auf beziehungsweise ist es notwendig, diesen aufzubrechen, um THORNESBREED in seiner bekannten Form weiterführen zu können?

Ansich ist es gar nicht notwendig, das aufzubrechen, im Gegenteil. Einige dieser Dinge spielen bei dem, was wir musikalisch machen, schlichtweg keine Rolle. Wir proben regelmäßig und arbeiten auch ständig an neuem Material – das war immer so und das ist ja auch der Kern dessen, was die Musik bei uns entstehen lässt. In den Zeiten, in denen wir totgeglaubt waren, war das eine Konstante, selbst wenn wir jahrelang nichts veröffentlicht haben oder jahrelang nicht live gespielt haben.

Um vielleicht ein wenig näher auf Eure Bühnenarbeit einzugehen: Welche Songs haben sich nicht nur als Live-Granaten entpuppt, sondern haben Euch darüber hinaus die Möglichkeit gegeben, zu improvisieren und eventuell sogar Ideen für neuen Stoff hervorgebracht haben? Könntest Du in diesem Zusammenhang Lieblingsstücke der Fans nennen, die sich vor allem in letzter Zeit für Euch als solche herauskristallisiert haben?

Einen Zusammenhang zwischen Live-Resonanz und neuen Ideen gibt es bei uns nicht. Ich kann dir die Frage nach den Live-Granaten auch gar nicht wirklich beantworten. Es gibt eigentlich nur ein Beispiel, das für eine von Dir vielleicht vermutete Fortführung stehen könnte: 'Dividua Anima Pt. I', der auf dem kommenden Album zu hören sein wird, wird eine Fortsetzung erfahren. Der Titel lässt das ja schon vermuten. Die Gründe sind aber inhaltliche.

In welcher Hinsicht habt Ihr Euch auf der Bühne und persönlich weiterentwickeln können? Inwieweit prägten die letzten Gigs den kommunikativen Wandel innerhalb der Band?

Ich denke, wir sind mit der Zeit einfach professioneller geworden. Wir alle sind gereift, gehen anders an Konzerte heran und wissen mittlerweile besser, worauf es ankommt. Nicht zuletzt auch die personelle Umstrukturierung und die damit verbundene Schärfung des Band-Konzeptes führen dazu, dass jeder an seiner Position gibt was er kann und so seinen Teil zum Ganzen beiträgt. Die Kommunikation ist einfach geerdeter und professioneller geworden.

In den kommenden Wochen erscheint Euer zweites Album "GTRD". Rollen wir vielleicht die Entstehungsgeschichte auf: Wie lange habt Ihr, vor allem aber wer am kompositorischen Endergebnis Hand angelegt? Mit welcher textlichen beziehungsweise musikalischen Prämisse seid Ihr an dieses Material herangegangen? Ergaben sich aufgrund der vielen widrigen Umstände einige Änderungen am ursprünglichen Konzept?

Seit der Veröffentlichung von '273.15 Degrees Below Zero' sind mittlerweile drei Jahre ins Land gegangen, seit dessen eigentlicher Aufnahme sogar sechs. Die Songs auf 'GTRD' sind zum Teil also mehrere Jahre alt – nur hat sie, abgesehen von sehr wenigen Konzerten, wo wir sie spielten, noch niemand gehört. An manchen der Songs hatte sogar Barth, der ja seit Bandgründung bis zu seinem gesundheitlich bedingten Ausstieg getrommelt hat, noch mitgearbeitet. Hauptimpulsgeber in kompositorischen Dingen ist und bleibt jedoch Faust. Die Prämisse war, denke ich, einfach besser auf den Punkt zu kommen, kompositorische Strukturen zu vereinfachen, in Sachen vertrackter Komplexität einfach die Luft rauszulassen, an Atmosphäre und Emotionalität zu gewinnen. Mittlerweile haben wir alle gelernt, dass das Maß an Brutalität, Finsternis und Atmosphäre nicht unbedingt vom Tempo und einem bis in die Nichtnachvollziehbarkeit der Strukturen gesteigertes, technisches Riffing bestimmt wird. In derartigen Prämissen liegt die immer weiter vorangeschrittene Wandlung hin zum Black Metal auch eher begründet, als in einer bewussten, mit den Kopf getroffenen Entscheidung.

Kennern der früheren Veröffentlichungen wird der Kurswechsel wahlweise Grund zum Monieren oder Jubeln geben - das sei jedem selbst überlassen. Viel eher fällt jedoch auf, dass Ihr in der Hochburg deutscher Qualitätsarbeit (KATHARSIS, den mittlerweile verblichenen ORLOG und dergleichen) so lange stilautark "überleben" konntet, bevor Ihr - so wie jetzt - eine schwarzmetallische Linie verfolgt habt. Wie erklärt Ihr Euch diesen - nicht ganz unangekündigten - Wandel? Inwieweit bringt Black Metal den derzeitigen Wesensstand von THORNESBREED eher auf den Punkt als die böllernd geile Rüpelei der Marke "Splendours Of The Repellent"? Wenn Du willst, kannst Du konkrete Song-Beispiele ins Feld ziehen, um Deinen Standpunkt zu untermauern.

Nun, zwar wird es dem einen oder anderen vielleicht nicht passen, was er auf 'GTRD' zu hören bekommen wird, wenn er für Veröffentlichungen wie 'The Splendour Of The Repellent' brannte oder brennt. Spätestens seit '273.15 Degrees Below Zero' hatte sich der Wandel ja aber abgezeichnet und bereits dort konnte keiner von uns die Musik mehr reinen Gewissens als reinen Death Metal betitulieren. Interessant übrigens, dass sich das auch in den Rezensionen abzeichnete. Zwar waren diese durchweg positiv, dennoch schieden sich an der Genrezuordnung offenbar die Geister. 'GTRD' ist eigentlich nur die logische, konsequente Fortführung und irgendwie auch der Schritt, nachdem keiner uns mehr als Death Metal Band bezeichnen wird. Wie soll ich sagen... Wir haben uns nie zusammengesetzt und eine musikalische Gangart beschlossen. Wir haben geprobt, an neuem gearbeitet und versucht das zu besser zu machen, was wir an vorangegangenem selbst kritisch sahen – eigentlich reine Bauchsache. Und das ist es, was daraus geworden ist. Natürlich spielen auch persönliche Vorlieben der Bandmitglieder eine Rolle, das kann man nicht leugnen. Die Genrezuordnung spielt aber schlichtweg eine untergeordnete Rolle, wenn alle, die die Musik machen, darin aufgehen.

Unabhängig von etwaigen Menüänderungen räumt Ihr den Elementen "Intensität" und "Aggression" nach wie vor jede Menge Platz auf Eurer kulinarischen Palette ein. Woher kommt diese enorme Wut? Hilft es generell dabei, Musik zu machen?

Die enorme Wut, das innendrinnen schlummernde Aggressionspotenzial sind es, die ein Ventil brauchen. Sind wir doch mal ehrlich: Man mag es für untrue halten, aber ich kann nicht jeden Tag durch die Gegend laufen, mir im Angesicht der widerlichen Menschheit und in der Erkenntnis, selbst ein Teil dessen zu sein, die Pulsadern aufschneiden, meine emotionale Welt, den aufkeimenden Hass in die Umwelt kotzen und vielleicht all das kaputt machen, was mich kaputt macht, wie ein berühmter Musiker mal sagte. Dennoch hat man etwas zu sagen und die Musik ist ein Ventil. Umso überraschender oder explosiver ist das, was dann da rauskommt, wenn man diese Seite in sich auslebt. Insofern hilft es nicht, sondern ist essenziell, das in sich zu tragen.

Wie bereits weiter oben angedeutet, gehörst Du definitiv zu jenen wenigen Extrem-Metal-Musikern Deutschlands, die mit der Gabe für packende, vielschichtige Lyrics gesegnet sind und diese auch gewinnbringend umsetzen können. Welchen konzeptionellen Rahmen steckst du dieses Mal ab? Wie viel "Persönliches" steckt in den Texten drinnen, ohne zu viel von Deinem Privatleben preiszugeben? Wie allgemein kannst Du überhaupt schreiben, ohne Dich dabei selbst zensieren zu müssen?

Der konzeptionelle Rahmen besteht ansich darin, dass all die Songs auf 'GTRD' textlich zum einen ein sehr tiefes Stück eigener Persönlichkeit enthalten, mehr denn je, tiefer denn je. Der Titel des Albums entspringt einem visionären Traum, der mit einigen inhaltlichen Aspekten des einen oder anderen Titels zu tun hat und der sehr emotional und sehr heftig war – er eignet sich also perfekt, um die inhaltliche Diversität der Songs zu vereinen. Die Frage nach der Selbstzensur ist sehr interessant. All die Texte auf dem Album haben einen emotional sehr tiefliegenden Hintergrund, der sich rein aus der Lektüre heraus niemandem außer mir erschließt. Dennoch glaube ich, genügend Inhalt zu vermitteln, um dem, der das Ganze liest, eine Botschaft  zu übermitteln und vielleicht die eine oder andere Empfindung seinerseits zu triggern. Wenn wir die Songs spielen, durchrlebe ich das, was den Impuls zum Text gegeben hat – für mich allein. In sofern mache ich mich beim Schreiben nackt, ohne mich nackt zu machen. Ich empfinde das nicht als Zensur. Im Gegenteil.

Gehörst Du allerdings auch zu jener Gruppe Musiker, die sich Ihre eigenen Alben zu Hause anhören? Wenn ja, welches Stück auf "GTRD" fasst derzeit die Essenz von THORNESBREED am besten zusammen? Welche Songs werden uns live definitiv um die Ohren gehauen?

Ich weiß nicht, welcher Musiker tut das nicht, insbesondere dann nicht, wenn es frisch entstanden ist? Ich glaube, das ist auch ein Stück weit nötig, um das was man da tut zu reflektieren. Die eigene Musik fertig produziert zu hören, ist und bleibt etwas ganz anderes als das was man selbst hört, wenn man sie live oder im Proberaum macht.
Die Frage nach der Essenz kann ich auch nur für mich wirklich beantworten. Ich denke, hierüber gibt es auch bandintern unterschiedliche Auffassungen. Das sehe ich jedoch nicht als Manko, denn es zeigt, dass jeder mit dem Filter seiner eigenen Emotion dabei ist. Und das ist gut so. Für mich sind es 'Not a second from oceans to frozen wastelands' und 'Dividua Anima Pt. I', nebenbei gesagt auch die jüngsten Stücke auf dem Album, die die Essenz des musikalischen Wandels am besten illustrieren. Aber wie gesagt, das wird auch innerhalb der Band unterschiedlich empfunden. Um die Ohren kriegt Ihr sie jedenfalls alle.

"GTRD" verfügt über eine sehr passende Produktion: Raumgreifend und kraftvoll, aber dennoch so ungeschliffen, um ja nicht in die Nähe übertriggerter Standardware zu kommen. Wie wichtig ist Euch dieser Aspekt Eurer Musik? Wieviel Zeit, Mühe (und Geld) investiert Ihr in die Aufnahmen? Andersrum gefragt: Wie würden THORNESBREED mit einem unbegrenzten Aufnahmebudget klingen?

Dieser Aspekt ist uns sehr wichtig. Wir achten sehr darauf, nicht zu glattgebügelt zu klingen. Ein stark überproduzierter Sound würde uns nicht stehen, dennoch wollen wir nicht nach Keller-Combo klingen. Nicht zuletzt deshalb legen wir Wert darauf, die Aufnahmen in die Hände eines Produzenten zu geben, dem man das nicht erklären muss. Der Herr Engel hat seine Sache da aber wiedermal mehr als gut gemacht. Mit einem unbegrenzten Budget würden wir grundsätzlich nicht sonderlich anders klingen – von einigen Mängeln, die dem kleinen Budget geschuldet sind, abgesehen. Wir würden einige Unannehmlichkeiten einfach nicht mehr in Kauf nehmen müssen. Der Sound von 'GTRD' ist im wesentlichen das, was wir uns gewünscht hatten.

Momentan steht Ihr noch bei keinem Label unter Vertrag. Sollten alle Stricke reißen und Ihr keinen Abnehmer für das neue Album finden: Würdet Ihr eine Kleinauflage in Eigenproduktion in Betracht ziehen? Wird es auch Exemplare direkt bei Euch zu kaufen geben, wenn alles wunschgemäß verläuft?

Ausgeschlossen ist das nicht. Momentan hoffen wir jedoch noch darauf, in Kürze ein Label zu finden. Und wenn alles wunschgemäß läuft, wird man einige Exemplare auch bei uns selbst kaufen können.

Das soll's erst einmal wieder gewesen sein. Herzlichen Dank für Deine Zeit! Wie wahrscheinlich ist es Deiner Meinung nach, Euch in nächster Zeit in Österreich (oder Umgebung) zu sehen? Wenn schon Daten stehen, kannst Du sie ja an dieser Stelle weiterleiten!

Ich danke dir ebenfalls für dieses Interview. Pläne für Österreich haben wir derzeit keine – sollte man uns anfragen, kommen wir aber gern!



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